Hängematte und Spielecke für Amaro Kher

Mein erster Aufenthalt in Mazedonien dauerte nur eine Woche. Es war im Herbst 2015, kurz nach Beginn des Wintersemesters, doch weil ich schon so viel von dem Projekt gehört hatte, wollte ich es mir unbedingt ansehen. Ich flog hin und sah es mir an und war sofort fasziniert von der Energie mit der alle mit anpackten, von der Gastfreundlichkeit mit der ich empfangen wurde und dem Gemeinschaftsgefühl das ich beim gemeinsamen Tanzen bei der Einweihungsparty erlebte. Eine Woche ging viel zu schnell vorbei und so begann ich mit dem Gedanken zu spielen, mal länger dort zu bleiben.
Ich wollte die Menschen näher kennenlernen, wollte was mit den Kindern machen, wollte Hämmern und Sägen und Nähen und Basteln und allgemein die Situation der Menschen und die Funktion des Projekts besser verstehen.
Das war meine Motivation nach der regulären Fahrt noch vier weitere Wochen zu bleiben.
Am 18. April ging es los. In den ersten zwei Wochen war ich noch Teil der Gruppe aus Deutschland. Wir fingen jeden Morgen um 9:00 an, arbeiteten den Tag über und saßen Abends noch lange zusammen oder gingen mit der Tochter unseres Gastgebers und ihren Freunden in die Billardbar. Die Gruppe war sehr harmonisch und und unterstützend und sie fehlten mir, als sie dann abreisten. Aber ganz allein blieb ich nicht, denn Rahel hatte es auch so gut gefallen, dass sie sich spontan entschied noch zwei Wochen länger zu bleiben.
Wir machen uns einen Plan, der ungefähr folgendermaßen aussah: ab 10:00 bei Amaro Kher sein, bis 13:00 Arbeiten am Haus erledigen, dann Mittagsessen und Mittagspause und von 15:00-18:00 Kinderbetreuung. Wir merkten sofort, dass es schön und gut ist Pläne zu haben, aber die Realität sieht oft anders aus. Das macht ja auch keinen Sinn, wenn die Mädels beim Haus sind und man mit ihnen spielen will, dass man dann wieder geht und bis drei wartet. Ohne Uhr. Wenn man aber jetzt spielen will. Oder dass man mitten beim Spielen aufhören und gehen muss. Viel lustiger ist es doch, genau dann mit den Mädels Fangen zu spielen.
Trotzdem lernten die Kinder schnell, dass es feste Zeiten gab, an denen sie kommen konnten und es klappte immer besser. Je nachdem wie viele Kinder und wie alt diese waren, ließen wir sie im Sand spielen, malten, bastelten oder spielten Spiele mit ihnen. „Blinde Kuh“ und „Der Fuchs“ geht um sind sehr beliebt. Die größte Herausforderung war tatsächlich mit allen Kindern gemeinsam etwas zu tun, da alle doch unterschiedliche Bedürfnisse hatten. Ein Mädchen wollte immer auf den Arm genommen werden, ein Junge spielte immer mit dem Bagger im Sand, andere malten am liebsten oder wollten immer Ball spielen. Sehr hilfreich war es, wenn ältere Kinder dabei war, die deutsch konnten und übersetzen und schlichteten wenn es unter den jüngeren Streit gab. Ein paar wichtige Wörter, wie kai (wo), koi (wer), tearra (morgen) oder dosta (genug) konnten wir bald.
img_0866
Später als die Kinderecke mit einem improvisierten Ruhebereich, einer Hängematte und Kindertischen eingerichtet war, verlagerte sich das Spielen nach drinnen. Leider habe ich kein Foto davon, aber einmal lag einer der kleineren Jungen in der Hängematte und tat so als würde er schlafen und hatte dabei das breiteste Grinsen auf dem Gesicht während um ihn herum das Chaos tobte. Jeder liebt Hängematten.
13103412_495828223947428_4093251116367439132_n

13087695_495828277280756_3978636286164735534_n
Abends unternahmen wir oft noch etwas mit den Jugendlichen mit denen wir uns angefreundet hatten, wir gingen Billard spielen oder besuchten uns gegenseitig.
In der Zeit, in der wir da waren gab es mehrere große Ereignisse, an denen wir teilhaben durften, so besuchten wir zwei Roma-Partys, eine Geburtstagsfeier und eine Hochzeit.

Jeden Tag, bis auf die Tage, an den die Hochzeit und ein anderes Mal eine Beerdigung stattfanden, kamen um die Mittagszeit die Frauen zum Nähen. Sie sind ein richtig gut eingespieltes Team, jede ist für einen Arbeitsschritt in der Produktion der Taschen verantwortlich. Wenn noch Zeit war, nähten wir anschließend Hosen. Ich hatte eine sehr weite Stoffhose mit, die wir als Vorbild für das Schnittmuster nahmen. Amaro Kher hatte ja im Vorfeld eine riesige Stoff und Kleiderspende erhalten und davon konnten wir einige der dünneren Stoffe, die nicht gut für Taschen geeignet waren, verwenden.

Ebenfalls jeden Tag kam Safet um sich um die Pflanzen zu kümmern und oft unterhielten wir uns lange, er erzählte von seinen Projekten mit den Kindern und manchmal blieb er um den Kindern Geschichten zu erzählen.
Mit Ibo bauten wir ein Holzdach über den Anbau von Küche und Bad und schweißten das Tor, sodass die Kinder nicht mehr durchschlüpfen können. Als die Außenspüle begann drohend zu knarren, sobald man darauf Geschirr abstellte, bauten Engin und ich eine neue.
Oft wurden wir zum Kaffee bei verschiedenen Familien eingeladen, und auch wenn ich weder Mazedonisch noch Romanes spreche und die Leute manchmal mehr manchmal weniger deutsch konnten verstanden wir uns gut. Einmal war ich bei der Mutter von Kindern , die oft zu Amaro Kher kamen eingeladen und sie zeigt mir pantomimisch wie wohl mal jemand betrunken auf einer Feier einem Musiker die Trompete wegnehmen wollte oder so, zumindest war das meine Interpretation. Ich lachte Tränen. Nicht jedes Mal war es lustig, ich bekam auch Geschichten erzählt, die mich noch lange danach beschäftigten. Geschichten wie Leute es geschafft hatten, sich in Deutschland ein Leben aufzubauen, bis zu dem Tag an dem in aller Herrgottsfrühe die Polizei vor der Tür stand und die Familie zurück nach Mazedonien schickte oder wie es sich anfühlt nicht genug Geld zu haben um die Familie zu ernähren, nicht genug Geld zu haben um im Krankenhaus behandelt zu werden, nicht genug Geld zu haben, weiter zur Schule gehen zu können. Freunde von mir waren lange in Deutschland gewesen, aber bevor sie einen Schulabschluss hätten machen können, mussten sie zurück- und weil sie das kyrillische Alphabet verlernt/ nie gelernt hatten, konnten sie keinen Abschluss in Mazedonien machen. Und ohne Abschluss gibt’s keinen guten Job. Abgesehen davon, dass die Roma immer noch stark diskriminiert werden.
Ich möchte bald wieder nach Kriva Palanka sobald ich Zeit finde, denn wie eigentlich jeder der einmal dort gewesen war und an dem Haus mitgearbeitet hat, lässt es auch mich nicht los und ich möchte die weitere Entwicklung mitbekommen und soweit ich kann mitgestalten.
Was ich von der Zeit mitnehme sind ganz viele Erlebnisse und Erfahrungen, mal schön, mal lehrreich, neue Freunde und die Überzeugung das Amaro Kher etwas ist, für dass es sich zu engagieren lohnt.

Josefine Ario