„Auf Augenhöhe zusammen arbeiten“ Ein Interview mit Hanna Niang und ihre Vision für Amaro Kher.

Hannah ist ganz rechts im Bild.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Hier folgt ein Interview mit Hanna Niang,

Hanna ist Rechtsanwältin und ehrenamtlich seit 2013 bei Amaro Kher aktiv.

Jonathan:

„Wie war dein persönliches Erlebnis in Amaro Kher mitzuhelfen?“

Hanna:

„Ich kam 2013 das erste Mal nach Kriva Palanka, um Angelika zu vertreten, da mit der damals sogenannten Kontaktgruppe (Gruppe aus Bewohnern des Roma-Viertels) die Arbeit anstand, dass man gemeinsam den Hauskauf plant und durchführt, sowie Ideen und Vorschläge sammelt und festlegt, was in der Zukunft in Amaro Kher passieren soll.

Die Kontaktgruppe bestand damals aus 6 Roma- Männern und 1 Roma – Frau (Arti) und es ging mitunter sehr laut auf diesen Sitzungen zu, die wir nahezu täglich hatten, da jeder seine ganz eigenen Vorstellungen, Ängste, Befürchtungen hatte und die Meinungen in vielem sehr stark auseinandergingen.

Außerdem tendierten einige Männer dazu, immer nur von ihrer eigenen Meinung überzeugt zu sein. Trotzdem haben wir damals viel Spaß miteinander gehabt, viel gelacht, viel gearbeitet und viele Ideen gesammelt, die später auch umgesetzt wurden.

Ich habe tolle Menschen kennengelernt. Ich weiss nicht mehr genau wie oft ich in Kriva Palanka war, vielleicht 5 oder 6 mal. Es war immer sehr anstrengend, weil das Leben im Viertel einfach anstrengend ist:

Viele laute Kinder, die immer was von einem wollen, tagsüber Hitze nachts Kälte, häufig kein warmes Wasser, viel Dreck, viel Streit und viel laufen.

Man wird ein bisschen dankbarer, wenn man wieder nach Hause kommt nach so einer Reise. Dankbar für ein warmes Bett, für Platz zuhause, für ein funktionierendes Klo, für geteerte Straßen, für ein Behördensystem ohne Bestechungsgelder und vor allem für eine ordentliche Gesundheitsversorgung.

Aber bei allem Unwegsamen in Kriva Palanka, ist es doch auch super schön dort. Besonders gerne erinnere ich mich an die gemeinsamen Abendessen bei Indit und Adlaet mit vielen verschiedenen Menschen, wenig Platz, leckerem Essen, einem wunderbaren Zusammensein und dem Gefühl, dass man echt was erreichen könnte, um das Viertel ein bisschen besser für die dort Lebenden zu machen.

Lange habe ich Amaro Kher nur am Rande unterstützt, da Angelika das Ruder wieder voll übernommen hatte, nachdem es ihr 2014 wieder besser ging.

Wir waren auch mehrfach zusammen unten, aber in den letzten 3 Jahren habe ich Amaro Kher nur noch am Rande begleitet. Nach Angelikas Tod im April war sofort für mich klar, dass ich zwar nicht in der Lage bin sie zu ersetzen, dass ich aber alles versuchen werde, um das Projekt bestmöglich weiter zu begleiten und zu unterstützen.

Mir ist es unheimlich wichtig, dass das Projekt Amaro Kher gut weiterläuft und ich habe das Gefühl, dass das was Angelika/Mama an Samen gesät hat, nun langsam zu einer Ernte wird.

Darum bin ich gerne weiter dabei und möchte den Verein weiter unterstützen. Endziel ist für mich, dass die Roma das Haus und die Projekte irgendwann komplett alleine verwalten und organisieren (da sind wir schon sehr weit gekommen mittlerweile) dass noch mehr Arbeitsplätze in Amaro Kher geschaffen werden können und wirklich jeder der möchte aus dem Viertel von Amaro Kher profitieren kann und dass sich das Haus (ggf. mit Hilfe von EU- Förderungen bezogen auf die Gehälter, aber auch als kleines Unternehmen, was Sachen produziert) alleine tragen kann.

Und dass wir dann irgendwann einfach nur noch vorbei schauen, um uns auszutauschen, uns zu besuchen und gemeinsam zu feiern was die Roma und die deutsche Gruppe dort auf die Beine gestellt haben.“

Jonathan:

„Was denkst du über die Situation der Roma in Mazedonien?“

Zunächst einmal möchte ich sagen, dass die Situation für alle Menschen, die nicht viel Geld oder einen guten Job haben, in Mazedonien schwierig ist. Gerade in den kleineren Dörfern wie Kriva Palanka sind die Zukunftsaussichten für alle sehr schwierig, da es kaum Arbeitsplätze gibt und die Sozialhilfe kaum reicht, um über die Runden zu kommen.

Für die Roma ist es aber immer noch ein Stück schwieriger, da sie von der mazedonischen Bevölkerung politisch aber auch tatsächlich ausgegrenzt und diskriminiert werden.

Das fängt schon in der Schule an, wo Lehrer Romakinder benachteiligen anstatt sie zu fördern, zumal sie es sowieso schon schwerer haben, da sie häufig nicht gut mazedonisch sprechen wenn sie auf die Schule kommen, da zuhause nur Romanesque gesprochen wird. Zudem sind die Roma häufig Vorurteilen ausgesetzt, was wir auch schon selbst mitbekommen haben als uns beispielsweise der Zugang zum Schwimmbad mit den Kindern aus dem Roma- Viertel verwehrt wurde.

Da ist es umso verständlicher, dass viele das Ziel haben, Kriva Palanka und Mazedonien zu verlassen, um für sich und die Kinder eine bessere Zukunft zu ermöglichen z.B. in Deutschland. Amaro Kher möchte aber dabei helfen, die Menschen zu ermutigen, in Kriva Palanka zu bleiben und ihnen dabei helfen, die Situation vor Ort zu verbessern.

Das ist eine schwierige Aufgabe und geht auch nicht von heute auf morgen. Aber ich sehe hierfür Licht am Ende des Tunnels. Vor allem weil wir derzeit immerhin 2 Vollzeit und 3 Minijobs geschaffen haben, bei denen die Roma für faires Geld arbeiten können und gleichzeitig durch ihre Arbeit die Situation im Viertel verbessern durch ihre Arbeit mit den Kindern und Erwachsenen. Auch toll finde ich, dass eine unserer Angestellten Mazedonierin ist und so auch eine mazedonisch- romanische- Annäherung im Kleinen stattfindet.

Jonathan:

Warum hast du dich für dieses Projekt engagiert? Was macht Amaro Kher unterstützenswert?

Hanna:

Ich finde es sinnvoll, wie bei Amaro Kher, die Hilfe auf Bildung/Weiterbildung auszurichten. Sozusagen Hilfe zur Selbsthilfe. Da hierüber erreicht werden kann, dass die jungen Menschen bessere Chancen auf einen Schulabschluss und somit auf Ausbildung, Studium und Arbeit erhalten. Man könnte den Menschen natürlich auch einfach monatlich mit Spenden wie Kleidung und Lebensmitteln helfen, damit sie besser über die Runden kommen. Aber dann wird sich hierbei für die Zukunft nicht viel ändern. Wichtiger es meiner Meinung nach, den Bewohnern des Viertels Möglichkeiten zu geben sich weiter zu bilden (bei der Hausaufgabenhilfe oder der Abendschule für Erwachsene) und dabei gleichzeitig zu versuchen, den Alltag und die Rahmenbedingungen zu erleichtern durch das täglich warme Mittagessen für die Schulkinder, die Möglichkeit für Bewohner des Viertels sich bei dem Nähprojekt ein bisschen was dazu zu verdienen, mit dem Werkzeugverleih die Möglichkeit zu erhalten sich kostenlos Geräte zu leihen um die Hütten und Häuser besser zu gestalten, aber auch, um einen gemeinsamen Raum für das Viertel zu haben, in dem man die Möglichkeit hat, dort Feste zu feiern, sich zu versammeln und zu organisieren.

Wunderbar an dem Projekt Amaro Kher finde ich auch, dass sich die Roma mittlerweile sehr gut in Eigenregie um die Angelegenheiten des Hauses und des Vereins kümmern und wir auf Augenhöhe zusammen arbeiten können und somit die Akzeptanz im Viertel gewachsen ist und wir viele Aufgaben an die Roma abgeben konnten.

Ich habe viel Vertrauen in unsere Freunde aus Edinstvo, dass sie nun Amaro Kher gestalten, wichtige Entscheidungen alleine treffen und die Organisation des Hauses und der Bildungsprojekte selbst durchführen.